Die Schraubleica



Die Schraubleica ist die ursprüngliche Leica.

Sie war die erste erfolgreiche Kleinbildkamera der Welt. Oskar Barnacks Erfindung hat das 35mm-Format endgültig in der Fotografie etabliert, allem anfänglichen Zweifel und Widerstand zum Trotz.

Die Barnack-Leica hat die Fotografie stärker geprägt als jede andere Kamera.

Urplötzlich wurde die Fotografie frei und entwickelte sich zu einem gänzlich neuen Medium. Die Reportage-Fotografie war geboren. Für die kreative Nutzung der Fotografie eröffneten sich völlig ungeahnte Möglichkeiten.

Damit hat die Schraubleica geprägt wie wir heute die Welt wahrnehmen.
Sie hat geprägt wie wir sehen, wie wir in Bildern denken und wie die Menschheit in Bildern kommuniziert.

Aber eine Schraubleica ist mehr als ein Gegenstand von historischer Bedeutung.

Sie ist auch heute noch eine perfekte Kamera!



Leica IIIf Mit Summaron 3,5cm 1:3,5
Leica IIIf mit Summaron 3,5cm 1:3,5 und Sonnenblende FOOKH


Begriffsklärung

Unter den Begriffen Schraubleica und Barnack-Leica werden alle Leicas zusammengefasst, die vor der Leica M3 auf den Markt gekommen sind. Ihre namensgebende Gemeinsamkeit liegt in der Art der Befestigung der Wechselobjektive: Während bei allen modernen Kameras die Wechselobjektive über einen Bajonett-Verschluss mit der Kamera verbunden werden, waren die Objektive für Schraubleicas mit einem metrischen Gewinde vom Durchmesser 39mm versehen und wurden durch zwei volle Umdrehungen ins Kameragehäuse geschraubt. Auch die häufig verwendeten englischen Begriffe "Screw Mount Leica" und "LTM" (Leica thread mount) leiten sich von diesem Objektivanschluss ab. Die Firma Ernst Leitz hat mit der Leica um 1930 den Standard in der globalen Optikindustrie für mehrere Jahrzehnte festgelegt. In der Vergrößerer-Technik zum Beispiel hat er sich bis heute gehalten. Auch in unserer Zeit werden nachwievor Objektive mit diesem Anschluss von 1930 gefertigt. Der m39-Anschluss ist der universellste Objektivanschluss allerzeiten. Ohne die geringsten Einschränkungen lassen sich alle Schraubleicaobjektive auch an Leica M Kameras adaptieren. Andersrum geht das leider nicht.

Eigenschaften einer Schraubleica

Verschluss

Allen Barnack-Leicas gemein ist der Tuchschlitzverschluss.

Dieser funktioniert wie folgt:
Beim Auslösen werden zwei Verschlusstücher in knapper Folge horizontal über die Bildfläche bewegt, sodass ein vertikaler Lichtschlitz über die Bildfläche wandert und den Film belichtet.
Die Bewegungsgeschwindigkeit der beiden Verschlusstücher (genannt erster und zweiter Vorhang) ist bei allen Belichtungszeiten identisch. Variabel ist hingegen die Verzögerung, mit der sich der zweite Vorhang nach dem ersten Vorhang in Bewegung setzt.
Der erste Vorhang verdeckt das Bildfenster bei aufgezogener Kamera, also im auslösebereiten Zustand, vollständig. Wird der Auslöser betätigt, so setzt sich dieses Tuch unvermittelt in Bewegung und gibt so das Bildfenster frei. Mit einer über das Verschlusszeitenrad einstellbaren Verzögerung beschleunigt kurz darauf der zweite Vorhang, welcher sich zu diesem Zeitpunkt noch aufgerollt auf einer Walze befindet. Der zweite Vorhang, auch Verfolger genannt setzt so dem ersten Vorhang nach und verschließt am Ende des Vorgangs das Bildfenster vollständig.
Die einstellbare Verzögerung zwischen erstem und zweitem Vorhang bewirkt letztenendes einen unterschiedlich breiten Schlitz. Je größer die Schlitzbreite, desto mehr Licht fällt auf den Film und desto länger ist die resultierende Belichtungszeit.
Die "Vorhänge" sind bei allen Schraubleicas aus einseitig gummibeschichtetem Seidenstoff, daher die Begriffe Verschlusstücher und Vorhänge!
Beim Vorspulen der Leica erfolgt gleichzeitig auch das Spannen des Verschlusses. Dabei werden die Verschlusstücher zurück in die Ausgangsposition transportiert. Dieses Mal allerdings nicht versetzt zueinander, sondern überlagert, der Film soll beim Vorspulen der Kamera schließlich nicht belichtet werden.

Verschlusszeiten-Steuerung einer Leica IIIf
Blick von Oben ins Innere einer Leica IIIf RD: Zu sehen ist unter anderem ein Teil der Mechanik zur Steuerung der Schlitzbreite

Die exakte Steuerung der Bewegungsabläufe ist bei einem Tuchschlitzverschluss ziemlich kompliziert und erfordert hohe Präzision. Für eine korrekte und gleichmäßige Belichtung ist eine exakte Justage des Verschlusses essentiell, denn die beiden Vorhänge müssen perfekt aufeinander abgestimmt sein und sich beide mit der gleichen, gleichbleibenden Geschwindigkeit bewegen.
Als Kamerareparateur benötigt man für die Prüfung und Justage des Verschlusses einer Leica ein aufwändiges Prüfgerät, das es erlaubt, die Breite des sehr schnell wandernden Schlitzes während des Laufs über das gesamte Bildfenster hinweg präzise zu vermessen. Die Justage selbst erfolgt durch Näherung und ist ziemlich zeitintensiv.

Der Tuchschlitzverschluss einer Schraubleica bietet einige Vorzüge:
Durch die sich vergleichsweise langsam bewegenden Komponenten ist der Verschleiß bemerkenswert gering und ein solcher Verschluss genießt damit nahezu unbegrenzte Langlebigkeit. Die Anzahl der Auslösungen ist bei einer gut gepflegten Leica, im starken Gegensatz zu einer modernen Kamera, sehr unrelevant. Zudem läuft der Verschluss einer Schraubleica ausgesprochen leise und geschmeidig ab, ohne ernsthafte Erschütterungen zu verursachen. Hierdurch werden Aufnahmen mit langen Belichtungszeiten unter schlechten Lichtverhältnissen und in weitestgehender Unbemerktheit - zwei Kernkompetenzen einer guten Kamera - ermöglicht.
Naja und natürlich sorgt er auch für das wunderbare Auslösegefühl einer Barnack...

Grundlage der Systemkamera
Im Jahr 1930, etwa fünf Jahre nach der Markteinführung, entwickelte sich die Leica zur Systemkamera. Diese Entwicklung wurde neben der Einführung des M39-Schraubgewindes aufgrund des von Oskar Barnack bereits im Jahr 1914 entwickelten Tuchschlitzverschlusses möglich.
Der Verschluss liegt hier unmittelbar vor der Brennebene des Objektivs, d.h. direkt vor dem Film. Hierdurch können beliebige Objektive genutzt werden. Bis zu diesem Punkt waren in Kameras vor allem Zentralverschlüsse im Einsatz, welche physikalisch bedingt im Inneren des Objektivs sitzen müssen. Hierdurch benötigt jedes Objektiv seinen eigenen Verschluss und eine eigene Verschlusszeitensteuerung. Die Nutzung von Wechselobjektiven ist damit zwar prinzipiell möglich und das wurde von manchen Herstellern sogar wirklich angeboten, ein richtig effizientes System ergibt das aber nicht und so blieben alle Kameras mit Zentralverschluss auf sehr wenige Objektive limitiert.
Leica scheute hier wiedereinmal keine Mühen und sezte von Anfang an auf die beste Lösung. Viele Jahre später setzte sich der Tuchschlitzverschluss absolut durch.
Da bei der Leica der Tuschschlitzverschluss unmittelbar vor dem Film sitzt und keine Spiegelmechanik zum Einsatz kommt, lässt sie extrem vielfältige Objektivbauformen zu und ermöglichte damit die Konstruktion starker Weitwinkelobjektive mit guter Korrektion, welche weit in das Kamerainnere ragen mussten.
Erst durch den Bau von Retrofocus-Objektiven ab 1950 war die Nutzung hochwertiger Weitwinkelobjektive auch mit anderen Kamerabauformen möglich. Technisch blieben sie jedoch bis in die heutige Zeit bedeutend aufwändiger.

Bodenlader

Ja, die erste Kleinbildkamera lädt man tatsächlich von unten! Schraubleicas sind puristisch.

Sie sind im Wesentlichen eine lichtdichte Schachtel mit zwei Spulen, zwischen welchen der Film transportiert und plan aufgespannt wird. Film und Spulen steckt man von unten in die Schachtel, setzt den Bodendeckel an und los gehts!

Eine Barnack-Leica bekommt keine Lichtlecks. Sie hat keine Lichtdichtungen.

Die Schraubleica öffnet man nicht versehentlich, mit geladenem Film.

Zugegeben das Bodenladen ist etwas umständlicher als das Laden modernerer Kameras mit aufklappbarem Rückdeckel, aber Problem ist das im Grunde keins.
Dafür bekommt man eine Kamera von puristischem, unterbrechungsfreiem Design, das kompakter nicht sein könnte.

Anstelle der normalen Bodenplatte kann man den Leicavit Schnellaufzug SYOOM bzw. SCNOO oder den Leica Motor MOOLY ansetzen und mit einer Handbegegung die Kamera aufziehen bzw. im Serienbildmodus bis zu zwei Bilder pro Sekunde schießen.

Gekuppelter Entfernungsmesser

Viele, nicht jedoch alle Schraubleicas verfügen über einen eingebauten Entfernungmesser. Konkret fehlt dieser bei allen Leicas mit der Bezeichnung I, wie z.B. die Leica If.
Verfügt eine Leica über einen eingebauten Entfernungsmesser, so ist dieser in jedem Fall mit allen Leica-Objektiven, welche nach 1932 hergestellt wurden, gekuppelt. Gekuppelt bedeutet, dass bei Bewegung der Entfernungseinstellung am Objektiv (quasi beim Fokussieren des Objektivs) über einen Abgreifer die Einstellung mechanisch auf die Kamera übertragen wird, wobei im Entfernungsmesser dabei ein Prisma gedreht wird.
Das bedeutet, das Mischbild im Entfernungsmesser wird direkt durch die Verstellung am Objektiv in Deckung gebracht. Ist ein Punkt im Mischbild in Deckung, so ist das Objektiv ganz automatisch auf diesen Punkt fokussiert. Ein "Autofokus"!
Damit entfällt das Ablesen der gemessenen Entfernung und das anschließende Einstellen dieser Entfernung am Objektiv. Das ist eine gewaltige Erleichterung, die in der Praxis häufig den Unterschied zwischen einem scharfen Bild und überhaupt keinem Bild machen wird. Das Ablesen und Einstellen wie bei externen Entfernungsmessern ist zu langsam und umständlich, wenn man nicht gerade Sillleben vom Stativ fotografiert. Der gekuppelte Entfernungsmesser wurde im Jahr 1932 eingeführt und war zu dieser Zeit bereits mit allen 7 von Ernst Leitz verfügbaren Objektive kompatibel. Es gibt jedoch Leicas deren Seriennummer auf eine Fabrikation vor 1932 schließen lässt, die aber über einen gekuppelten Entfernungsmesser verfügen.
Der Grund: Man konnte seine nunmehr "technisch veraltete" Kamera einsenden und sie auf den neuesten Stand bringen lassen. Diese nachhaltige und verantwortungsbewusste Firmen-Philosophie der nicht-Obsoleszenz können wir uns heute kaum vorstellen. Bei Ernst Leitz wurde sie jahrzehntelang gelebt!
Nach dem gleichen Prinzip konnten sich weniger vermögende Kunden und solche deren Verwendungsidee der Kamera einen Entfernungsmesser vorerst unnötig machte, immer eine Leica I kaufen und diese dann, wenn Geld verfügbar oder der Verwendungszweck gewachsen war, ins Werk einsenden und ein Upgrade bekommen. Dieses Upgrade kostete in etwa so viel wie die Differenz zwischen den Modellen. Was für ein Service! Hieran merkt man wie sehr das Unternehmen Ernst Leitz hinter seinen Produkten stand und welche Werte das Unternehmen hochhielt!

Für uns in der heutigen Zeit bedeutet das, dass die Seriennummer allein nicht zwangsläufig Aufschluss über den Funktionsumfang oder den technischen Stand einer Leica gibt. Das Gleiche gilt auch bei den Objektiven.

Blitz-Synchonisation

Die interne Vollsynchronisation bei einer Tuchschlitzverschluss-Kamera (s.o.) gelang Ernst Leitz als erstem Hersteller der Welt im Jahr 1950 mit der Einführung der Leica IIIf. Das war eine Sensation!
Unmittelbar nach dieser Neuerung konnte man das über 11 Jahre hinweg verkaufte Vorläufermodell Leica c nachrüsten lassen. Ich bezeichne solche Kameras als mod. f also z.B. Leica IIIc mod. f. Auch die viel früheren Modelle konnte man nachrüsten lassen und so gibt es Kameras aus dem Jahr 1935, die über eine Technik von 1950 verfügen!

Schraubleica-Ökosystem

Die Schraubleica ist in ein riesiges Ökosystem an hervorragenden Komponenten eingebettet, mit welchen man sie für so gut wie jeden Einsatzzweck ausstatten kann.
Dazu zählt natürlich die reiche Pallette an Objektiven, welche neben einer exzellenten Optik, die mit Abstand beste Mechanik der Branche bieten.
Ergänzt werden die Objektive durch eine Vielzahl an außergewöhnlich guten Suchern für alle Einsatzzwecke.

Aus der Mikroskopbranche stammend hat Ernst Leitz selbstverständlich ein ganzes Arsenal an Adaptern und Hilfsgeräten angeboten um die Verwendung der Leica in der Wissenschaft zu perfektionieren. So gibt es zum Beispiel den Mikroskopadapter MIKAS, der Beobachtung und Fotografie durch Mikroskope simultan zulässt.

Die Fotografie mit langen Tele-Brennweiten sowie im Makrobereich ist nicht gerade die Stärke einer Sucherkamera. Ernst Leitz jedoch hatte eine Lösung parat: Mit dem Visoflex-Ansatz wandelt man die Leica kurzerhand in eine Spiegelreflexkamera um und ist auch von diesen Limitationen befreit!

Schnellaufzug Leicavit SYOOM
Der elegante wie geniale Schnellaufzug Leicavit SYOOM für alle Leicas mit Seriennummer größer als 400.000

Gegen eine Leica M mit Schnellspannhebel ist die Barnack zu langsam? Von wegen! Die Schnellaufzüge SCNOO bzw. Leicavit SYOOM anstelle der Bodenplatte angebracht und die Barnack stellt alle Schnellspannhebel der Welt in den Schatten!
Serienaufnahmen? Der mechanische Motorwinder MOOLY macht sie möglich!
Eine Kuriosität ist z.B. das externe Langzeitenwerk HEBOO.

Man ist wahrscheinlich schneller fertig alles an Zubehör aufzuzählen, das es für die Leica nicht gab, als alles das es gab.
An Fantasie und Ideenreichtum hat es den Leitzianern nicht gemangelt!
Für wirklich alles was einem einfallen kann, gibt es ein kryptisches fünfbuchstabiges Tel-Wort von Ernst Leitz und dahinter verbirgt sich ein hervorragend entwickelt und umgesetztes Teil.


Die beste Kamera

Die beste Kamera ist die,
die man dabei hat,
mit der man gerne fotografiert,
die einen inspiriert,
die das kreative Schaffen unterstützt ohne abzulenken.

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