Elmar 5cm 1:3,5

Die kompakteste Normalbrennweite

Schraubleica-Objektiv Elmar 5cm 1:3,5
Leica IIIf mit Elmar 5cm, verchromte Version

Das 5cm Elmar ist DAS Schraubleica-Objektiv schlechthin!
Mit 5cm bzw. 50mm Brennweite ist es ein Objektiv mittlerer Brennweite und damit gewissermaßen ein Allrounder.
Eingeführt im Jahr 1925 wurde es 1930 zum ersten Wechselobjektiv in der Geschichte der Kleinbildfotografie und ist bis heute das kompakteste aller Schraubleica-Objektive.
Das 5cm Elmar war prägend für den „Leica-Look“ in den Arbeiten vieler bekannter Fotografen des 20. Jahrhunderts.
Es ist scharf, exzellent korrigiert und zeichnet sehr harmonisch. Den Bildeindruck empfinde ich als besonders natürlich für das menschliche Auge.

Erst mit der Einführung des berühmten Summicron 5cm 1:2 im Jahr 1953, unter Einsatz von Lanthangläsern und einer ungleich aufwändigeren Optikkonstruktion, konnte das 5cm Elmar in den Punkten Auflösungsvermögen, Vignettierungsfreiheit und Kontrast übertroffen werden. In puncto Kompaktheit ist das Elmar bis heute ungeschlagene Spitze.

Look

Nutzt man ein sauberes und vergütetes Exemplar, so erzeugt das 5cm Elmar einen zurückhaltenden Vintage-Look, knackige Kontraste und kontrollierte Lichter, zeichnet aber nach wie vor mit Charakter. Die Fotos wirken vergleichsweise modern, aber ohne den technisch perfektionierten, klinischen Look heutiger Objektive.
Um einen stärkeren Vintage-Look zu erzielen, nutzt man die nicht-vergüteten Versionen. Das Objektiv zeichnet dann dennoch scharf und sauber, jedoch werden kontrastreiche Kanten weicher und die Lichter bekommen einen samtigen Glow. Je nach gewünschtem Bildeindruck kann das die Atmosphäre sehr gut unterstützen.
Den deutlichsten Glow erreicht man mit leicht nebligen Elmaren. Der bedachte Einsatz solcher Objektive hat seine Berechtigung und kann al Gestaltungsmittel das kreative Schaffen unterstützen und sehr viel Freude bereiten. Man muss dann deutliche Kontrastverluste und eine verringerte Schärfe einplanen, wird aber oft mit einer Zartheit und einem warm und gemütlich wirkenden Bildeindruck belohnt! Bildbeispiele eines nebligen 3,5cm Elmars gibt es hier. Die Wirkung ist vergleichbar.

Das Bokeh transportiert bei F 3.5 eine tolle Stimmung ohne aufdringlich zu sein. Für Portraits ist das Objektiv durchaus nicht ungeeignet, der Hintergrund wird damit nicht diffus und ultraweich, wie man das von lichtstarken Portrait-Objektiven kennt, sondern ist deutlich gezeichnet. Ich persönlich mag diesen Look für manche Portraits, da sich die Personen bereits gut vom Hintergrund absetzen, trotzdem die Umgebung aber noch erkennbar bleibt. Hierdurch wird das Motiv nicht vollständig von seiner Umwelt isoliert, der Kontext bleibt erhalten und die höhere empfundene Raumtiefe kann die Atmosphäre unterstützen.
Bei der Blende hat Ernst Leitz keine Mühen gescheut und dem winzigen Objektiv 10 leicht abgerundete Lamellen spendiert, die für eine nahezu kreisrunde Öffnung über den gesamten Einstellbereich sorgen. Hierdurch bleiben Lichtpunkte rund und treten nicht als störende Polygone hervor.
Die maximale Abbildungsleistung wird in etwa bei Blende 8 erreicht.

Schraubleica-Objektiv Elmar 5cm 1:3,5
Das Volksbad am Ufer der Isar in München, aufgenommen mit einem sauberen, vergüteten Elmar auf HP5 Plus bei EL1600 und entwickelt in XT-3 Stock
Schraubleica-Objektiv Elmar 5cm 1:3,5
Moos im Unterholz bei Blende 4 mit einem sauberen, vergüteten Elmar. Besonders in den linken Ecken erkennt man die Randunschärfe bei geöffneter Blende. Das Foto weist allerdings auch eine leichte Verwacklungsunschärfe auf. Delta 400 Professional bei EL800, entwickelt in Adox XT-3 stock.
Schraubleica-Objektiv Elmar 5cm 1:3,5
Vergütete, klare Version des 5cm Elmars. Am Dach wird der Glow sichtbar, den selbst das vergütete Elmar in abgeblendet, wenn auch sehr geringfügig, aufweist. London auf HP5 Plus bei EL800. Adox XT-3 1+1.


Besonderheit

Gute optische Eigenschaften sind für 50mm/5cm Objektive aus heutiger Sicht natürlich die Regel. Das wirklich Großartige am Elmar ist seine Kompaktheit!
Das Objektiv ist zusammenschiebbar (kollabierbar) und verschwindet im ungenutzten Zustand nahezu vollständig im Inneren der an sich schon kleinen Leica und die Leica damit in jeder Manteltasche. Im Grunde ist die Leica mit Elmar im Transportzustand nicht ernsthaft größer als der Kamera-Body mit Gehäusedeckel! Mit einem einzigen Handgriff hat man eine Spitzenoptik einsatzbereit. Genial!
Unauffälliger geht es nicht.
Sie wollen mit einer soliden Ausrüstung unbemerkt und völlig unterschätzt auf die Jagd nach authentischen Fotos gehen? Dann kommen Sie am Elmar nicht vorbei!

Schraubleica-Objektiv Elmar 5cm 1:3,5
Eingefahrenes Elmar 5cm an einer Leica IIIf

Die Brennweite entspricht der des eingebauten Suchers einer Barnack-Leica, sodass kein weiteres Zubehör erforderlich ist.
Das System ist klein und schwer, die Leica stoßfrei und sanft in der Auslösung. So sind auch längere Belichtungszeiten kein Problem. Ich habe eine Reihe scharfer Fotos bei 1/5s Belichtungszeit aufgenommen. Bei 50mm Brennweite!
Eine Schraubleica fühlt sich in der Hand sehr schwer an, tatsächlich trifft das Attribut „dicht“ besser zu als „schwer“. Eine IIIf mit roten Kontaktzahlen und Vorlaufwerk (die schwerste Schraubleica) mit 5cm Elmar und eingelegtem Film wiegt gerade mal 550g. Man kann sie den gesamten Tag umhängen haben, ohne sie zu spüren. Durch das extrem flache Profil bei eingefahrenem Elmar geht einem seine Begleiterin wirklich nie im Weg um.

Verfügbarkeit und Preis

Insgesamt wurden von den 5cm Elmaren mit einer Lichtstärke von 3,5 im Produktionszeitraum 1930-1953 in etwa 240.000 Stück gefertigt. Das mag erstmal nach einer großen Menge wirken, bedenkt man aber in welchen Größenordnungen von anderen Herstellern 50mm Objektive produziert wurden, ist das erstaunlich wenig. Zum Beispiel von Nikons Pancake 50mm 1.8 wurden in der Größenordnung 1.000.000 Exemplare über einen kürzeren Produktionszeitraum hergestellt.
Dennoch erfreuen sich die 5cm Elmare einer immensen Verbreitung und sind in Deutschland auf dem Gebrauchtmarkt leicht zu bekommen. Durch die, verglichen mit anderen Leica-Objektiven, hohen Fertigungszahlen zahlt man hier eher für den Gebrauchswert, als für den Seltenheitswert.

Es gilt allerdings zu beachten, dass die Objektive mindestens 70 Jahre alt sind. In Folge dessen ist meiner Erfahrung nach die große Mehrheit im Inneren neblig und weist Kratzer oder Vergütungsschäden auf.
Insbesondere feine Kratzer, häufig als Putzspuren bezeichnet, und Nebel werden von Verkäufern gerne verschwiegen. Hier gilt es wirklich vorsichtig zu sein!
Perfekte Elmare haben dann doch auch schon wieder einen gewissen Seltenheitswert. Die gute Nachricht: Sehr wenige (einzelne) kleine Kratzer bereiten erfahrungsgemäß keine Probleme.
Der umgangssprachlich als Nebel bekannte, ölige Beschlag im Inneren vieler alter Objektive kann die Abbildungsleistung ganz erheblich beeinträchtigen, mindert Kontraste, lässt Lichter ausblühen und reduziert die Schärfe. Zu einem gewissen Grad kann das ein wünschenswerter Effekt sein, wenn man auf sehr deutlich hervortretenden Vintage-Look steht. Das kann aber auch sehr schnell störend werden und viele Aufnahmen ruinieren. Durch eine (nicht ganz günstige) Überholung des Objektivs kann Nebel beseitigt werden.

Gut benutzbare, verchromte Elmare bekommt man ab 350€. Für wirklich perfekte muss man schon eher mit 500€ rechnen. Bei den Vernickelten halte ich für ein gut erhaltenes 450€ und für ein perfektes 650-700€ für einen angemessenen Preis. (Stand 03/26)
Wie bei allen sehr alten Leica-Produkten darf man dabei aber nicht vergessen, dass die Sachen defacto keinen Wertverlust haben. Das sind wir nicht gewohnt.
Passt man gut auf seine Sachen auf und verkauft sie zu einem späteren Zeitpunkt, ist es sehr wahrscheinlich, dass man die gesamte Nutzungsdauer quasi kostenlos bekommen hat. Es kann sogar sein, dass man Gewinn damit macht ein hochwertiges Gerät zu benutzen. Verrückt oder?

Objektiv putzen (Vorsicht!)

Damit oben genannte Kalkulation aufgeht, sei an dieser Stelle angemerkt, dass man gut beraten ist, alte Objektive so wenig wie möglich zu putzen! Geringe Mengen Staub und Schmutz auf der Frontlinse sind in den Aufnahmen absolut nicht bemerkbar. Ich empfehle ein Objektiv wirklich nur bei stärkerer Verschmutzung zu reinigen und auch dann ausnahmslos nur, wenn ein sauberes, geeignetes Putztuch zur Verfügung steht. Die alten Glassorten und Vergütungen sind sehr weich, hier kann man schnell ein tolles Objektiv und sehr viel Wert vernichten!

Objektive werden nie unterwegs mit dem Hemdsärmel oder dem T-Shirt geputzt. Hier hat man nahezu immer kleinere harte Staubpartikel im Stoff, die das Objektiv unter Garantie beschädigen. Auch das gute alte Mikrofasertuch, das hinterlistig im Rucksack lauert, ist kein kluger Einfall.

Da die Blendeneinstellung beim Elmar etwas fummelig vorne um die Frontlinse angeordnet ist, kann man in einer ungeschickten Aktion leicht mal einen Fingerdapper auf der Linse hinterlassen. Mir zumindest passiert das von Zeit zu Zeit. Weise, wer so einen Fingerabdruck einfach zu ignorieren weiß. Ehrlich, das macht gar nichts!

Damit das ästhetische Empfinden wieder ungestört ist und das Abbild des Ungeschicks spurlos verschwindet, nimmt man sich nach der Fototour kurz Zeit und behebt das in einer sauberen Umgebung.
Ich gehe wie folgt vor: Im Idealfall zuerst Frontlinse mit einem weichen Pinsel, ich würde Echthaar (z.B. Ziege) empfehlen, von Staub freipinseln. So ist man etwaige Reibepartikel auf dem Glas los. Am besten auch außenrum den Staub entfernen. Dann ein altes (weil sehr gute Oberfläche) und frisch gewaschenes Baumwoll (!) T-Shirt gut ausschütteln, die Linse anhauchen und, besonders wichtig, völlig ohne Druck, die Tuchstelle immer wieder wechselnd, ganz langsam kreisförmig die Linse putzen. Zwischendurch immer wieder anhauchen. Viel Licht ist hilfreich.
Meine Empfehlung: nicht zu perfektionistisch sein. Wer hier versucht, durch minutenlanges Putzen auch noch den letzten mikroskopischen Schmutz zu beseitigen, beschädigt das Objektiv unwiederbringlich!
Und das Wichtigste überhaupt: Kein Druck! Stellen Sie sich dabei vor Sie würden ihr Auge abwischen wollen, dann haben sie den richtigen Druck.

Versionen und Feinheiten

Jedes 5cm Elmar ist grundsätzlich aus Messing gefertigt und fühlt sich trotz des geringen Gewichts von gerade einmal 110 g sehr wertig und präzise an. Die optische Konstruktion ist über den gesamten Produktionszeitraum identisch geblieben. Auch die Blendeneinstellung, Zahl und Form der Blendenlamellen sowie der Fokus sind bei allen Versionen gleich.
Dennoch existieren eine Reihe bedeutender Unterschiede.
Der im direkten Vergleich wohl auffälligste Unterschied ist rein von ästhetischem Interesse und liegt in der Oberflächenveredlung.

Oberfläche: Nickel vs. Chrom

Schraubleica-Objektiv Elmar 5cm 1:3,5
Verschiedene 5cm Elmare

Von 1930 bis etwa 1935/1936 wurden Objektive von Ernst Leitz mit einer vernickelten Oberfläche ausgeliefert.
In etwa ab 1935 begann man die Objektive zunehmend zu verchromen. Nach 1936 wurden ausschließlich verchromte Elmare gefertigt.
Während Chrom einen kühlen, sehr hell reflektierenden, technisch perfekt aussehenden Glanz aufweist, wirken Nickeloberflächen, obwohl ebenfalls hochglänzend, wärmer und lebendiger.
Chrom wirkt auf uns moderner und technischer, Nickel dagegen wirkt antiker und vermittelt eher den Eindruck von Handwerkskunst. In beiden Fällen aber, Nickel und Chrom, hat es Ernst Leitz wie kaum eine andere Firma meisterlich verstanden Oberflächen so zu veredeln, dass sie bedingungslose Perfektion ebenso ausstrahlen wie gelebte Feinwerk-Handwerkskunst.
Beide Oberflächen haben ein recht gutes Alterungsverhalten und sehen selbst in deutlich abgenutzt edel und wertvoll aus. Nickel hat hier in meinen Augen etwas die Nase vorn.
Für mich persönlich sind gut erhaltene vernickelte Elmare besonders reizvoll. Mindestens seit 70 Jahren sind alle Oberflächen in der gesamten Kamera und Objektivbranche verchromt, eloxiert oder lackiert und verkörpern vor allem eines: industrielle Perfektion. Hiervon heben sich die vernickelten Objektive sehr deutlich ab und sind schon irgendwie eine Klasse für sich. Vernickelte Oberflächen sind eng mit den Anfängen der Kleinbildfotografie verbunden.
Für sehr alte und die allermeisten schwarz lackierten Schraubleicas sind vernickelte Objektive fast ein Muss, denn bei diesen Kameras sind die Bedienelemente vernickelt. Klar kann man hier auch mischen, empfehlen würde ich das, sofern man die Wahl hat, nicht.


Im Folgenden ein paar weitere Aufnahmen, die mit dem Elmar entstanden sind:


Schraubleica-Objektiv Elmar 5cm 1:3,5
In London mit dem 5cm Elmar
Schraubleica-Objektiv Elmar 5cm 1:3,5
Landschaft auf der Reise nach Dalmatien. Elmar 5cm auf HP5 Plus, gepusht auf EL800 in XT-3 Stock.
Schraubleica-Objektiv Elmar 5cm 1:3,5
Elmar 5cm auf HP5 Plus, gepusht auf EL800 in XT-3 Stock.
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